Fucking Panic Attacks Since 2016

Okay, vielleicht nicht erst seit 2016, aber seit diesem Jahr gehe ich das Ganze wesentlich offensiver und vor allem öffentlich an. Gründe für die Veröffentlichung von Fledermäuse im Kopf gab es mehrere. Ich bin jetzt 23, noch jung, aber nach meinem Bachelor auch auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Gleichzeitig haben sich in den vergangenen Monaten und ein bis zwei Jahren neue Freundschaften entwickelt, die ich nicht missen möchte. Aber Freundschaften auf irgendwelchen Notlügen und Ausreden aufbauen, oder nur mit angezogener Handbremse darauf einlassen? Nein, danke. Ich hatte das Gefühl, mich an einem Scheideweg zu befinden. Ich musste mich jetzt entscheiden, wie mein Leben aussehen soll. Verstecken und Gefahr laufen, dass die Ängste eher schlimmer als besser werden, oder die Ängste öffentlich machen und Gefahr laufen, dafür verurteilt zu werden (fun fact: letzteres ist überhaupt nicht passiert, zumindest hat sich niemand derart mir gegenüber geäußert). Zudem standen mir mit der Hochzeit meiner Schwester und dem Junggesellinnenabschied zwei Mordsherausforderungen (bzw. drei, wenn man standesamtliche und kirchliche Trauung nochmal splittet) bevor.

In den Wochen vor dem Junggesellinnenabschied überforderte mich dieser komplett. Wir hatten eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, um Ideen zu sammeln und zu planen. Ich wusste, dass wir auf jeden Fall in ein Restaurant gehen würden. Da gab es keinen Weg drumherum. Deshalb konnte ich mich auch überhaupt nicht darauf freuen, oder mich richtig auf die Planung einlassen, weil das Restaurant wie eine dunkle Wolke über dem JGA hing und mich schon beim Gedanken daran in Panik versetzte. Das Ganze ging so weit, dass ich jeden Tag mehrere Stunden auf Flugmodus ging, damit ich keine WhatsApp-Nachrichten bekam, die in mir Ängste auslösen würden. Ich steigerte mich da komplett rein und malte mir die schlimmsten Szenarien für den JGA aus. Ich hatte sogar schon darüber nachgedacht, ob ich nicht krank spielen könnte, um dem Tag zu entgehen. Aber verdammt, es war der JGA meiner Schwester und ich wollte dabei sein. Ich hatte schon seit Monaten mit dem Gedanken gespielt, meine Ängste aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Ich hatte immer viel Respekt für die Leute, die ihre psychischen Probleme in einem Blog veröffentlichten, weil mir bis dahin der Mut dafür fehlte. Aber die Texte ermutigten dann auch, es selbst auszuprobieren. Zwei Wochen vor dem JGA saß ich also da und schrieb Fledermäuse im Kopf. Als der Text dann raus war, war ich erleichtert, als das erste positive Feedback kam, war ich glücklich. Verdammt, warum habe ich das nicht früher gemacht? Eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Nichts mehr verstecken, auf nichts mehr verzichten, nicht die schönen Momente aus Angst vor Panik meiden, einfach das Leben genießen. Okay, so rosarot ist es vielleicht doch noch nicht. Es ist noch ein weiter Weg, keine Frage, aber es ist der einzig richtige Weg – und vor allem ein guter.

92h

Gratisography / Ryan McGuire

Dadurch, dass meine drei Schwestern den Text gelesen haben und mir äußerst positiv entgegen kamen, hatte ich dann auch vergleichsweise nur noch wenig Angst vor dem JGA. Klar, die Angst war noch da, aber sie schlummerte eher im Unterbewusstsein und wurde nicht mehr von simplen WhatsApp-Nachrichten oder dem bloßen Gedanken an den JGA ausgelöst. Die Angst war noch da, auch am Tag selbst, aber sobald ich die erste Hürde und dann die zweite Hürde genommen hatte, lief es. Wir waren Eis essen, wir haben ein Picknick im Park gemacht, wir haben uns HotDogs bei IKEA gegönnt, ehe es dann zum Restaurant ging (nein, der JGA bestand nicht nur aus Essen, aber der Rest spielt in diesem Kontext keine Rolle). Sogar im Restaurant habe ich gegessen, was aber darauf zurückzuführen war, dass es mehrere Vorspeisenteller gab, von denen sich jeder bedienen konnte. Hauptspeise habe ich mir nicht bestellt, aber da die anderen aufgrund der Vorspeise schon zu kämpfen hatten, habe ich auch bei denen mitgegessen. Das war er also: der unmittelbare erste Erfolg nach dem Veröffentlichen des Texts, ein JGA ohne Panik mit mehreren Essenshürden, die am Ende gar keine Hürden waren.

Es folgte die Hochzeit und auch diese stellte mich erstaunlicherweise nicht vor größere Probleme. Ich meine mich zu erinnern, dass ich vor der Hochzeit meiner anderen Schwester 2014 noch wesentlich nervöser war und weder kirchliche noch standesamtliche Trauung richtig genießen konnte. Jetzt lief es überraschend gut. So gut sogar, dass ich es kaum erwarten konnte, bis endlich das Buffet eröffnet wurde. Klar, ein paar Gedanken sind immer im Hintergrund, aber ich hatte sie im Griff. Ich, nicht die Angst, hatte die Macht über die Situation. Ein bisschen was schrieb ich dazu bereits auf Facebook.

Vor einigen Monaten kündigte dann meine Lieblingsband Yellowcard ihr letztes Album und die dazugehörige „Final World Tour“ an. Zwei Mal Deutschland, zwei Mal Köln: 8. Dez. und 9. Dez. Es stand außer Frage, dass ich dahin muss. Aber die eine Nacht mit einer Freundin im Hostel in Köln bleiben bereitete mir dann doch heftige Kopfschmerzen (sprich: Panik). Ich schrieb bereits in Sprung ins Haifischbecken, welche Probleme mir Reisen bereitet – auch wenn Köln jetzt wirklich nicht weit weg ist. Scheiß drauf, gebucht. Den Text über meine Ängste nochmal auf Englisch veröffentlicht, damit besagte Freundin aus Holland auch Bescheid wusste. Je näher der Tag rückte, desto nervöser wurde ich jedoch. Am Donnerstag (8.12.) wachte ich schon früh mit schnellem Herzschlag und Gedankenchaos auf. „Puh. Wenn das heute schon so ist, wie soll das dann erst morgen werden, wenn ich in einer anderen Stadt im Wissen, ich muss auswärts essen, aufwache?“ Letztlich ist die Angst vor der Angst das Problem. Wenn man diese Angst überwindet, dann packt man meist auch den Rest.

Ganz ehrlich? Im Nachhinein kann ich über diese Gedanken nur lachen. Ich hatte die Zeit meines Lebens in Köln und zu keinem Zeitpunkt richtige Panik. Gedanken sind immer da, ja. Und auch am Freitag (9.12.) bin ich früh aufgewacht und der Puls war höher als sonst, aber wäre es etwas leiser im Hostel gewesen, hätte ich wohl auch da länger gepennt. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr in Details der Konzerte verfallen, dafür würde der Platz hier auch nicht reichen, aber bevor Yellowcard „Lift a Sail“ spielte, sagte Ryan Key, der Sänger: „We wrote this album when we were going through some heavy shit, and we hope that it helps you with whatever you’re going through.“ Wenn man dann den Text betrachtet, passt das Lied perfekt. Ein Lied darüber, dass einen nichts mehr aufhalten kann und man sich dem „Sturm“ stellt:

I was so wrong and unaware,
I locked myself away, I thought that I’d be safe,
Then I realized I’d gone nowhere
Life is just too sweet to lie in this defeat

If a cold wind starts to rise,
I am ready now, I am ready now
With the last sail lifted high,
I am ready now, I am ready now

If a storm blows in on me,
I am ready now, I am ready now
When the waves come from underneath,
I am ready now, I am ready.

Ich bin bereit. Die Angst wird mein Leben nicht bestimmen, niemals siegen. Ich bin bereit.

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One comment

  1. Alex · December 11

    Wieder ein sehr schöner Text. Und toll, dass du trotz der anfänglichen Skepsis ja offenbar Spaß beim Konzert hattest.

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