Fledermäuse im Kopf

Hallo, ich habe ein Problem – ein psychisches. Puh. Wo fange ich an? Vielleicht beim Auslöser.

Als ich so ca. 12 Jahre alt war, fuhr ich mit einer damaligen Freundin und ihrer Mutter in den Urlaub. Das Ganze lief eher suboptimal ab. Wenn man Tag und Nacht aufeinander hockt, geht man sich schnell auf die Nerven, v.a. wenn man unterschiedliche Vorstellungen einer schönen Freizeitgestaltung hat. Letztlich war das aber auch alles nicht so schlimm, außer dass die Mutter mich blöd anmachte, weil ich auch mal Zeit für mich alleine brauchte und lieber ein Buch lesen wollte. Aber nun gut. Kommen wir zum eigentlichen Punkt: Einmal beim Mittagessen hatte ich mir mehrfach genommen. Da waren die Augen mal wieder größer als der Magen. Ich hatte schon so viel gegessen, dass mir schlecht wurde. Ich hatte allerdings noch nicht den Teller leer gegessen, woraufhin die Mutter mich dazu zwingen wollte den Rest zu essen. Sie hat dort so dermaßen Druck auf mich ausgeübt, dass dieses Gefühl des Zwangs und der Übelkeit mich seit jeher begleitet. Und das wünsche ich meinen schlimmsten Feinden nicht. Im Laufe der Jahre gab es weitere Erlebnisse, die dieses Gefühl intensiviert haben – bspw. durch unreflektierte Kommentare anderer. Aber das möchte ich hier (noch) nicht näher ausführen.

Was ist nun das Problem? Das Problem ist, ich kann nicht auswärts essen. Klingt bescheuert, ist es auch. Der Satz selbst stellt es zwar krasser dar, als es ist. Aber im Grunde fasst er es am besten zusammen. Letztlich ist der Punkt aber weniger in „auswärts“ begründet. Viel mehr kommt es auf situationsabhängige Bedingungen und die soziale Konstellation an. Gestern war ich bspw. alleine bei Subway und habe dort völlig ohne Probleme gegessen. Warum? Weil die Situation es erlaubte. Subway ist kein richtiges Restaurant, wo man an einem festen Tisch sitzt. Notfalls hätte ich auch aufstehen können und mit meinem Essen nach Hause gehen oder mich auf eine Parkbank setzen können, wenn es mir drinnen aufgrund von Panikattacken nicht möglich gewesen wäre zu essen. Zudem war ich alleine und hatte somit maximale Freiheit, weil ich mich nicht an anderen orientieren musste. Es geht dabei um sozialen Druck. Es ist dabei auch völlig irrelevant, wie sehr ich die Person mag, die dabei ist. Ich würde mir so oder so bescheuert vorkommen, wenn ich aufgrund von Angstzuständen nicht essen könnte.

Wenn ich von Panikattacken spreche, dann meine ich nicht nur Übelkeit. Der Puls ist am Anschlag. Es zieht sich wie ein Strick um den Hals, sodass man keinen Bissen mehr runterkriegt. Dabei geht es nicht um das Gericht. Es kann mein absolutes Lieblingsessen sein – in solchen Momenten kriege ich es nicht runter. Sobald ich dann wieder in meiner Komfortzone – d.h. in diesem Zusammenhang alleine oder zuhause – bin, ist das alles kein Problem. Aber dort gibt es auch nicht diesen sozialen Druck. Letztlich mache ich mir den Druck wohl selbst, da sich wohl kaum einer heute hinstellen würde und mich dazu zwingen würde irgendwas aufzuessen. Aber mal ehrlich, geht ihr zu Freunden, die extra für euch gekocht haben, und esst dann nicht auf bzw. esst gar nichts? Bestellt ihr euch etwas im Restaurant, nur um (wenn überhaupt) einen Bissen mit Cola runterzuspülen, weil es anders nicht geht? Die Psyche ist ein Arschloch und die Psyche kann scheinbar irrationale Ängste entwickeln. Rational gedacht, gibt es vermutlich keine Gründe für die Panikattacken, faktisch wird mir schon schlecht, wenn ich daran denke, dass ich bald in einem Restaurant essen gehen muss. Es ist also auch die Angst vor der Angst – und die lähmt besonders.

Ich erwähnte bereits, dass es v.a. auf die Situation ankommt. Je mehr Freiheit ich verspüre, desto einfacher ist es für mich zu essen. Dieses ganze Problem bezieht sich ja auch nur auf eine geringe Anzahl von Essenssituationen, weil ich meist eh zuhause oder alleine unterwegs esse. Das Problem tritt v.a. dann auf, wenn es Anlässe gibt, zu denen man ins Restaurant geht, oder wenn man reist und mit/bei anderen Leuten isst. In meinem Leben stellt es dann eher die Ausnahme dar als die Regel. Dies liegt natürlich auch daran, dass ich mein Leben darauf abgestimmt habe. Aber wenn die Ausnahme dann auftritt, ist die Panikattacke vorprogrammiert. Ich könnte jetzt wohl noch detailliert erklären, welche Situationen es mir einfacher machen – bspw. ein Buffet statt einer Bestellung – allerdings würde das wohl den Rahmen des Textes sprengen. Wichtig ist, dass ich daran arbeite, das Ganze in den Griff zu kriegen und die Ängste nach und nach abzubauen. Es ist noch ein langer Weg, aber ich gehe Schritt für Schritt in die richtige Richtung.

Warum ich das jetzt alles aufschreibe und veröffentliche? Vielleicht weil ich keine Lust habe mich zu verstellen. Einige von euch kennen mich mittlerweile auch im Real Life. Diese Sache schränkt mich ein, aber sie definiert mich nicht. Ich erwarte nicht mal unbedingt, dass man es versteht, aber ich möchte, dass es akzeptiert und respektiert wird. Ich möchte mir keine Ausreden einfallen lassen müssen, wenn mich jemand zum Essen einlädt. Ich möchte mich nicht um Kopf und Kragen reden, wenn ich aus Situationen fliehen möchte, weil mir der soziale Druck zu groß wird. Ich möchte, dass man sagt „hey, ist okay“. Ich möchte, dass man sagt, „ich hätte dich gerne dabei. Wir kriegen das hin und du machst es so, wie es für dich am besten ist.“ Ich möchte auch nicht darauf reduziert werden. Das bin ich nicht. Es ist ein Teil von mir, ja – und es schränkt mich in meinem Leben ein. Aber es definiert mich nicht als Person. Ich bin viel mehr als das.

Der Text wurde jetzt etwas länger, aber ich wollte sicher gehen, es so verständlich wie möglich zu erklären. Wer ehrliches Interesse am Verständnis des Ganzen hat, darf gerne Fragen stellen. Ich werde versuchen bestmöglich zu antworten.

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2 comments

  1. hake21 · July 17, 2016

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  2. Stadtneurotiker · July 18, 2016

    Es tut mir in der Seele weh, wie Menschen durch das Essen traumatisiert werden. Und die Ursache liegt zumeist bei (anderen) scheinbar Erwachsenen, die glauben, sie müssten an Kindern Exempel statuieren.
    Essen ist Genuss, Leben, im Alter sogar Sex (hat mir der Vogel gesagt).

    Ich wünsche Dir, dass es Dir alsbald gelingt, auswärts genussvoll zu essen.
    Möge Deine Offenheit, die vielen sicherlich hilft, Deinen Weg dorthin erleichtern!

    (Ich wollte eigentlich schon auf den Tatort-Text antworten, hab’s aber vergessen.)

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