Tatort – Zwischen Qualität und Quote

Bereits im Herbst diesen Jahres setzte ich an, um diesen Artikel zu verfassen. Es kamen jedoch einige Dinge dazwischen und so verwarf ich vorerst die Idee. Nun da ich den neuesten Tukur sah, fühle ich mich dazu inspiriert mein Vorhaben fortzusetzen. Natürlich wird es einige Menschen geben, denen die letzte Folge keineswegs gefallen hat. Das ist wie so oft Geschmackssache und so ist auch dieser Blogpost eine äußerst subjektive Angelegenheit. Jedoch möchte ich sie dennoch als einen Appell an die Fernsehanstalten verstanden haben, und eventuell stehe ich mit meiner Meinung ja nicht ganz alleine da.

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Gestern lieferte der Hessische Rundfunk erneut ein Meisterwerk ab. Bereits im vergangenen Jahr gelang dem Sender mit der Folge „Im Schmerz geboren“ [Folge 920; 9,29 Mio.] der beste Fernsehfilm des Jahres (Goldene Kamera). Zum Abschluss 2015 brillierte Ulrich Tukur nun nicht als Kriminalhauptkommissar Murot, sondern vielmehr als Ulrich Tukur an der Seite von Martin Wuttke als Martin Wuttke und Co. [Folge 968: Wer bin ich?; 7,06 Mio.]. Eine Folge so außergewöhnlich und vielschichtig, dass sie zwangsläufig in ihrer Erzählweise an bekannte Hollywood-Filme wie Fight Club und Inception erinnert. Unabhängig davon behält der Film seine eigene amüsante Art, in der sich Schauspieler selbst nicht zu ernst nehmen. Ein Tatort, der zweifelsohne kein klassischer Tatort ist, aber ähnlich wie „Im Schmerz geboren“ durch seine eigene Besonderheit zu überzeugen weiß. Doch stellt sich hierbei die Frage, warum nur der Hessische Rundfunk den Mut besitzt, solch ungewöhnlich aber beeindruckende Tatort-Folgen zu produzieren?

Generell zeichnet sich (nicht nur) im deutschen Fernsehen ein Trend zu „Quote statt Qualität“ ab. Im Idealfall ist die Quote hoch, weil Film oder Serie durch Qualität überzeugt. Aber scheinbar ist die Qualität oft egal, solange die Quote stimmt. Eine fatale Einstellung, da somit künstlerische Freiheit und erfrischende Kreativität eingeschränkt werden und stattdessen auf Altbewährtes gesetzt wird. Klar – das Konzept Tatort / Polizeiruf ist altbewährt. Ein Stück deutsche Kultur – für manche komplett uninteressant, für andere die klassische Sonntagabendunterhaltung zum Ausklang der Woche. Doch bietet dieses Konzept neben Altbewährtem auch Spielraum für kreative Entfaltung, wenn man ihn denn nutzt – wie der HR.

Keine Frage, ich gucke auch gerne die klassische Tatort-Folge: Leichenfund zu Beginn, 90 Minuten spannender Krimi, Überführung des Täters gegen 21:45 Uhr. Mit interessanten Charakteren, gerne auch düster, vielleicht mit Gesellschaftskritik. Aber das heißt ja nicht, dass man nicht von der Norm abweichen darf und es heißt auch nicht, dass alles, was der Norm entspricht, gut ist, und alles, was von der Norm abweicht, schlecht ist. Mehr Mut zu Neuem, liebe Drehbuchautoren und Redakteure. Mehr Mut zum Außergewöhnlichen. Münster hat es beispielsweise bewiesen: nicht düster, sondern lustig, nicht das klassische Ermittlerduo, sondern Kommissar und Pathologe. Jahre lang lieferten Jan Josef Liefers und Axel Prahl im Auftrag des WDR eine gute Folge nach der anderen ab.

Allerdings ist der Münsteraner Tatort zuletzt auch eines der besten Beispiele für „Quote statt Qualtität“. Das ungleiche Duo verdiente sich durch etliche gute Folgen wie „Spargelzeit“ [Folge 775; 10,49 Mio.] eine steigende Einschaltquote, die sogar die magische 13. Mio.-Marke knackte [Folge 917: Mord ist die beste Medizin; 13,13 Mio.]. Lange Zeit gingen Quote und Qualität einher, doch irgendwann – vermutlich mit dem 10-jährigen Dienstjubiläum [Folge 851: Das Wunder von Wolbeck; 12,11 Mio.] – war der Zenit überschritten und seitdem stehen sämtliche Münsteraner Drehbücher unter dem Motto „Füße hoch, der Witz kommt flach“: Überdrehte Charaktere mit zwanghaft lustigen Sprüchen, teils komplett absurde Handlungen wie der Luftröhrenschnitt mit Kugelschreiber [Folge 949: Erkläre Chimäre; 13,01 Mio.], den George Clooney bereits in den 90ern bei Emergency Room realistischer inszenierte. Durch Qualität überzeugt Münster schon lange nicht mehr, aber solange die Quote stimmt und die Schauspieler nicht von selbst die Reißleine ziehen, wird es wohl so weitergehen. Denn es werden auch weiterhin die Leute einschalten, die sonst nie Tatort gucken, aber Münster ach-so-lustig finden. Und auch ich, die gerne sonntagabends den ARD-Krimi guckt, habe bisher weiterhin eingeschaltet – wohl aus Gewohnheit und mit der Hoffnung, dass Münster vielleicht doch noch zur alten Stärke zurückfindet. Wenn man die Option „Absetzen“ immer noch nicht ziehen möchte, bleibt wohl nur die Variante, eine düsterere Folge wie einst „Wolfsstunde“ [Folge 710; 10,14 Mio.] zu produzieren. Ein ernstes Thema, das keinen (oder kaum) Raum für schlechte Witze, sondern stattdessen für spannende Krimiunterhaltung bietet. Auch das kann Münster, wenn man denn den Mut dazu besitzt, aus dem Alltagstrott der pseudolustigen Kriminalfolgen auszubrechen. Den Münster-Guckern (Zuschauer, die nur Münster und sonst nie Tatort gucken) wird man damit vielleicht nicht gerecht, aber den Tatort-Gucker (der regelmäßig unabhängig vom Team Tatort guckt) kann man damit eventuell zurückgewinnen.

Statt Münster glänzen aktuell andere Teams durch Qualität. Ob Jörg Hartmann als fast schon legendärer Kommissar Faber in einer leider realitätsnahen Folge über Neonazis in Dortmund [Folge 931: Hydra; 9,11 Mio.], Axel Milberg als trockener Borowski in Kiel oder auch die Bremer Stedefreund und Lürsen, die im Frühjahr mit „Die Wiederkehr“ [Folge 939; 10,61 Mio.] eine der mit Abstand stärksten Folgen dieses Jahres ablieferten – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Viele gute Tatort-Teams mit starken Folgen liegen im Schnitt weit unter den Rekorden von Liefers, Prahl und Schweiger. Ähnliches gilt für Polizeiruf 110, wobei zu beachten ist, dass dieser generell weniger Zuschauer zieht als der große Bruder Tatort. Dabei bietet der Polizeiruf mit Matthias Brandt einen der besten deutschen Schauspieler, der mit seiner Spielkunst in der Rolle des Hanns von Meuffels und dessen mäandernder Verhörtechnik [Folge 351: Kreise; 7,89 Mio.] zu beeindrucken weiß. Zudem bilden Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau in Rostock eines der großartigsten Teams der Sonntagabendunterhaltung, und sei es nur, um zu sehen wie Hübner als Bukow („wie fuck off“) eine Pizza verzehrt [Folge 352: Wendemanöver (1); 7,34 Mio.].

Hingegen muss man schon etwas länger suchen, um diejenigen zu finden, die den Hamburger Tatort mit Til Schweiger gerne sehen. Vermutlich findet man sie unter den Millionen, die jährlich zu seinen Liebeskomödien ins Kino strömen, sonst aber eigentlich nie zum Sonntagabendkrimi einschalten. Über 12 Millionen Zuschauer sind sicherlich eine stolze Zahl, und vermutlich wird auch Helene Fischer einige Neulinge ins Boot ziehen, doch ist das wirklich der Anspruch des Tatorts? Das Stammpublikum wird vergrault, weil man lieber auf Quote setzt, anstatt mit guten Drehbüchern und authentischen Schauspielern zu punkten. Ich kann Fischers Schauspiel erst dann beurteilen, wenn ich es gesehen habe, jedoch muss sie sich an der Frage messen lassen, ob sie die Rolle auch bekommen hätte, wenn sie keine erfolgreiche Sängerin wäre. Genauso wie sich Schweigers Tochter Luna die Frage gefallen lassen muss, ob sie auch dann im Tatort zu sehen wäre, wenn ihr Vater ein anderer wäre. Bislang glänzt sie im Tatort jedenfalls mehr durch Monotonie als durch Authentizität. Es gibt weitaus beeindruckendere Schauspielerinnen in ihrer Altersklasse.

Und sein wir mal ehrlich, der Quotenvergleich (v.a. zwischen Liefers in Münster und Schweiger in Hamburg) ist doch nichts anderes als ein Schwanzvergleich – billig und oberflächlich. Schade, dass sich die Verantwortlichen darauf einlassen und die Qualität oftmals vermissen lassen, die den Tatort einst zum Kult werden ließ. Die Quote sagt nicht zwangsläufig etwas über die Qualität aus – das gilt übrigens nicht nur für das Fernsehprogramm. Wie erklärt man sich sonst, dass ausgerechnet die BILD die auflagenstärkste „Zeitung“ in Deutschland ist? Diese hielt übrigens den gestrigen Tukur-Tatort der Schlagzeile zufolge für „große Verarsche“ und „totalen Mist“. Gut, vielleicht haben sie ihn nicht verstanden. Der Tatort ist dann doch ein anderes Niveau als Titten auf Seite 1.

Bitte, liebe Redakteure, habt mehr Mut.
Mut, euch nicht von Zahlen leiten zu lassen.
Mut zum Außergewöhnlichen.
Mut zur Qualität.

____

Einschaltquoten via DWDL & Wikipedia.

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One comment

  1. Ete (@Ruhrgirl66) · December 28, 2015

    Die gestrige Tatort-Folge war hervorragend. Und auch sonst stimme ich dir voll zu. Vielleicht wird in Zukunft wieder mehr auf Qualität geachtet. Für uns Tatort-Fans bleibt es zu hoffen.

    Liked by 1 person

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