Wenn Erfolge süchtig machen

Ich schleppe diese Angststörung nun seit meiner Kindheit mit mir herum. Sie hat lange Zeit mein Leben bestimmt. Ich habe auf vieles verzichtet, aus Angst, ich würde mich dann in eine Situation begeben, die bei mir Panik auslöst. Klingt absurd? Ist es nicht. Wer einmal in den „Genuss“ einer ausgewachsenen Panikattacke gekommen ist, wird alles daran setzen, diese zu umgehen. Auch wenn das heißt, dass man auf schöne Momente verzichten muss. Eigentlich will man das nicht, aber wenn die Angst einen erst mal im Griff hat, kommt man so schnell nicht mehr los.

2015 habe ich angefangen, in meinem Bekanntenkreis über diese Ängste zu sprechen. Dabei stieß ich auf offene Ohren und viel Verständnis – Danke dafür (das kann ich nicht oft genug sagen)! Im Prinzip war das ein erster Testballon. Wie reagieren andere auf mein Problem? Denn am Ende ist diese psychische Störung eine soziale Phobie. Ich esse sehr gerne und weiß, leckere Gerichte zu schätzen. Es ist aber die soziale Situation, in der manche Essen stattfinden, vor der ich Angst habe. Ich habe Angst vor der Erwartungshaltung. Wenn man zum Essen eingeladen ist, in einem Restaurant ist, wird erwartet, dass man etwas isst. Essen ist ja auch das Normalste der Welt. Also warum sollte man nichts essen? Der Auslöser liegt bei mir weit zurück. Wenn man dann erst mal die Erfahrung einer Panikattacke macht, bekommt man es mit einem ganz anderen Problem zu tun: die Angst vor der Angst.

Die Angst vor der Angst sorgt eben dafür, dass du fortan Situationen meidest, die eine Panikattacke auslösen könnten. Manche Situationen kannst du aber nicht meiden. Klassenfahrten, Familienfeste, Einladungen, Weihnachtsfeiern, Teamessen, etc. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Angst vor der Angst wird selbst zur Panikattacke. Du kannst nur schlecht schlafen, wachst schweißgebadet auf, fühlst die Übelkeit schon Tage (oder gar Wochen) zuvor. Sie lähmt. Und sie diktiert dein Leben.

2016 kam ich dann an den Punkt, wo ich das Gefühl hatte, eine Entscheidung treffen zu müssen. Entweder ich überlasse der Angst mein Leben oder ich hole mir mein Leben zurück. Wenn man es genauer betrachtet, kann und darf Ersteres keine Option sein. Aber wer mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, wird nur zu gut verstehen, wie schwierig es tatsächlich ist, sich dieser Herausforderung auch zu stellen. Ich entschied mich für die zweite Option und machte meine Angststörung öffentlich. Erst als Blog, aber zunehmend auch in Gesprächen in meinem persönlichen Umfeld. Die Option „Verheimlichen“ gab es fortan nicht mehr. Wann immer eine Essenssituation anstand, die mir Sorgen (große Untertreibung an dieser Stelle) bereitete, war klar: Ich werde die beteiligten Personen darauf ansprechen (und das nicht nur im privaten, sondern auch im beruflichen Kontext). Erstaunlicherweise verschob sich so auch die Angst. Ich hatte weniger Angst vor der Essenssituation und mehr Angst vor der Gesprächssituation im Vorfeld. Wie würden sie reagieren? Spoiler Alert: Die meisten Menschen – sofern sie keine ignoranten Arschlöcher sind – reagieren sehr offen und verständnisvoll, wenn man ihnen von einem Problem berichtet. Und ignorante Arschlöcher braucht eh keiner.

Nach den Gesprächen poltert mir dann in der Regel ein mittelschwerer Mount Everest vom Herzen. Im Endeffekt gehe ich dann viel, viel, viel, viel entspannter in die jeweilige Essenssituation. Denn ich weiß: Die anderen haben keine Erwartungshaltung mehr an mich, weil sie wissen, dass die Situation für mich schwierig ist. Sie sind einfach nur froh, wenn man dabei ist – und das ist in der Regel auch das Wichtigste. Und jetzt kommen wir zum ersten wirklichen Erfolg: Wenn keine Erwartungshaltung mehr herrscht, brauche ich auch keine Angst mehr haben, diese nicht erfüllen zu können. Somit fällt mir das Essen auch gleich leichter und ich kann es in den meisten Fällen genießen. Gedanken sind zwar da, aber das ist ein meilenweiter Unterschied zu lähmenden Panikattacken. Wenn ich essen kann, ist das ein Sieg gegen die Angst.

Der erste große Meilenstein folgte im Urlaub in Domburg. Dort gibt es viele Strandlokale mit leckerem Essen. Bei den ersten Besuchen habe ich mir nur zu trinken bestellt, mein Freund etwas zu essen. Ich habe dann in der Regel mitgegessen – Salat oder Pommes. Aber halt nichts eigenes, denn Bestellen ist der Endgegner. Man kann nicht steuern, ob das, was man bestellt, einem auch schmeckt. Man kann nicht steuern, wie viel es ist, und wie lange die Wartezeit beträgt. Und die Wartezeit ist tödlich, denn sie gibt einem Raum zum Nachdenken. Beim Nachdenken entwickelt der Kopf dann die Top-10 der Worst Case Scenarios. Panikattacke auf dem Silbertablett.

Allerdings spielte ich schon länger mit dem Gedanken, es mal zu testen. Denn grundsätzlich bin ich immer neidisch auf Menschen, die sich etwas Leckeres bestellen können. Ich wollte das auch. Und welcher Rahmen wäre passender gewesen, als in einem entspannten Urlaub, in einem Lokal, das ich schon von vorherigen Besuchen kannte und in dem ich mich wohl fühlte, mit dem Mann an meiner Seite, der mich liebt (und umgekehrt #kitschflake), und mich unterstützt und notfalls meinen Teller auch noch aufgegessen hätte, wenn mich die Panik überkommen hätte? Also habe ich gegen die Gedanken angekämpft. Zwar war ich nicht stark genug, um mir wirklich das zu bestellen, worauf ich eigentlich Lust hatte (Fish’n’Chips), aber ein großes Erfolgserlebnis war es dennoch. Bestellt habe ich mir dann einen Thunfisch-Salat, weil der leichter war und von der Portion weniger mächtig erschien. Ich hatte damit gerechnet, dass meine Gedanken nach der Bestellung schlimmer werden würden, aber ganz im Gegenteil: Ich war einfach so glücklich, diesen Schritt gegangen zu sein, dass kein Raum war für unnötige Gedankenspiele. Ich war dann anscheinend auch so im Rausch, dass ich nach dem Salat auch noch einen Eisbecher bestellte, weil ich so stolz war, das geschafft zu haben. Und es sei an dieser Stelle angemerkt, dass ich mich selbst im Eiscafé in meinem Stadtteil bislang nicht hineingesetzt und bestellt habe, weil mir das Probleme bereitete. Dementsprechend kann auch der Eisbecher als Erfolg gewertet werden.

Und dieser Erfolg macht süchtig. Ich möchte mehr davon. Ich möchte mich öfter trauen. Weil’s mein Leben ist und ich es genießen möchte. Und so schmiedet man schon Pläne. Vielleicht mal gemeinsam Tapas essen gehen. Burger essen gehen. Oder im Restaurant am Tennisclub. Es sind Hürden, aber sie erscheinen nicht mehr so riesig und übermächtig wie noch vor ein paar Wochen. Das heißt nicht, dass ich solche Essenssituationen jetzt immer und überall meistern kann, aber es zeigt mir, dass es möglich ist. Und das ist schon viel wert, denn es schafft Hoffnung und Hoffnung ist manchmal stärker als Angst.

Vielleicht hilft es gerade jetzt, das Ganze einmal aufzuschreiben. Ein paar anstehende Essenssituationen sorgen bei mir aktuell für Unbehagen. Aber vielleicht ist es auch gar nicht so schlimm, wenn ich dort nicht als Sieger vom Platz gehe, solange ich mir die jüngsten Fortschritte im Bewusstsein halte. Zu wissen, was möglich ist, hilft, die nächsten Schritte zu gehen. In diesem Sinne: Mehr wagen, mehr gewinnen.

Fucking Panic Attacks Since 2016

Okay, vielleicht nicht erst seit 2016, aber seit diesem Jahr gehe ich das Ganze wesentlich offensiver und vor allem öffentlich an. Gründe für die Veröffentlichung von Fledermäuse im Kopf gab es mehrere. Ich bin jetzt 23, noch jung, aber nach meinem Bachelor auch auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt. Gleichzeitig haben sich in den vergangenen Monaten und ein bis zwei Jahren neue Freundschaften entwickelt, die ich nicht missen möchte. Aber Freundschaften auf irgendwelchen Notlügen und Ausreden aufbauen, oder nur mit angezogener Handbremse darauf einlassen? Nein, danke. Ich hatte das Gefühl, mich an einem Scheideweg zu befinden. Ich musste mich jetzt entscheiden, wie mein Leben aussehen soll. Verstecken und Gefahr laufen, dass die Ängste eher schlimmer als besser werden, oder die Ängste öffentlich machen und Gefahr laufen, dafür verurteilt zu werden (fun fact: letzteres ist überhaupt nicht passiert, zumindest hat sich niemand derart mir gegenüber geäußert). Zudem standen mir mit der Hochzeit meiner Schwester und dem Junggesellinnenabschied zwei Mordsherausforderungen (bzw. drei, wenn man standesamtliche und kirchliche Trauung nochmal splittet) bevor. Read More

Guts over fear

Hi, if you’re reading this, chances are high you either know me because of Yellowcard or football. That doesn’t really matter though. What matters is, I would like for you to read this – especially if we’ve already met or plan on meeting in the future. There’s one thing you should know about me, and I have kept it silent for quite some time. I have an issue and it doesn’t come lightly. I’ve been dealing with it for over a decade and it has a huge impact on my life. It’s called anxiety.
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Sprung ins Haifischbecken

Hallo, ich bin es mal wieder. Es ist nun gut sieben Wochen her, dass ich über meine Panikattacken und Ängste schrieb. Vielleicht ist es an der Zeit einmal aufzuschreiben, wie sich einige Aspekte in meinem Leben bislang durch den Text verändert haben. Der ein oder andere hatte mich auch darum gebeten, Euch auf dem Laufenden zu halten. Also hier bin ich. Und das ist meine Geschichte.
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Fledermäuse im Kopf

Hallo, ich habe ein Problem – ein psychisches. Puh. Wo fange ich an? Vielleicht beim Auslöser.

Als ich so ca. 12 Jahre alt war, fuhr ich mit einer damaligen Freundin und ihrer Mutter in den Urlaub. Das Ganze lief eher suboptimal ab. Wenn man Tag und Nacht aufeinander hockt, geht man sich schnell auf die Nerven, v.a. wenn man unterschiedliche Vorstellungen einer schönen Freizeitgestaltung hat. Letztlich war das aber auch alles nicht so schlimm, außer dass die Mutter mich blöd anmachte, weil ich auch mal Zeit für mich alleine brauchte und lieber ein Buch lesen wollte. Aber nun gut. Kommen wir zum eigentlichen Punkt: Einmal beim Mittagessen hatte ich mir mehrfach genommen. Da waren die Augen mal wieder größer als der Magen. Ich hatte schon so viel gegessen, dass mir schlecht wurde. Ich hatte allerdings noch nicht den Teller leer gegessen, woraufhin die Mutter mich dazu zwingen wollte den Rest zu essen. Sie hat dort so dermaßen Druck auf mich ausgeübt, dass dieses Gefühl des Zwangs und der Übelkeit mich seit jeher begleitet. Und das wünsche ich meinen schlimmsten Feinden nicht. Im Laufe der Jahre gab es weitere Erlebnisse, die dieses Gefühl intensiviert haben – bspw. durch unreflektierte Kommentare anderer. Aber das möchte ich hier (noch) nicht näher ausführen.
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Tatort – Zwischen Qualität und Quote

Bereits im Herbst diesen Jahres setzte ich an, um diesen Artikel zu verfassen. Es kamen jedoch einige Dinge dazwischen und so verwarf ich vorerst die Idee. Nun da ich den neuesten Tukur sah, fühle ich mich dazu inspiriert mein Vorhaben fortzusetzen. Natürlich wird es einige Menschen geben, denen die letzte Folge keineswegs gefallen hat. Das ist wie so oft Geschmackssache und so ist auch dieser Blogpost eine äußerst subjektive Angelegenheit. Jedoch möchte ich sie dennoch als einen Appell an die Fernsehanstalten verstanden haben, und eventuell stehe ich mit meiner Meinung ja nicht ganz alleine da. Read More